Wer seinen Blutzucker im Blick hat, freut sich über die wachsende Auswahl an „zuckerfreien” Snacks. Und tatsächlich sind viele davon eine sinnvolle Alternative zu klassischer Schokolade. Das Problem entsteht dort, wo das Etikett mehr verspricht, als der Inhalt hält – und wo ein bestimmter Zuckeraustauschstoff ins Spiel kommt: Maltit.
Die erste Falle: nicht jeder Zuckeralkohol ist gleich
Evidenzstufe: gesichert
„Zuckerfreie” Süßigkeiten werden meist mit Zuckeralkoholen (Polyolen) gesüßt. Diese Gruppe ist aber alles andere als einheitlich. Manche heben den Blutzucker praktisch gar nicht – andere durchaus deutlich. Ausschlaggebend ist der glykämische Index (GI), der angibt, wie stark ein Stoff den Blutzucker steigen lässt (0 = kein Anstieg, 100 = reine Glukose).
Die viel zitierte wissenschaftliche Referenz (Livesey, 2003) zeigt die Spannweite deutlich: Erythrit 0, Mannit 0, Sorbit 9, Isomalt 9, Xylit 13 – aber Maltit 35, und Maltitsirup sogar rund 39.1 Zum Vergleich: Haushaltszucker liegt bei 65. Maltit hat damit den höchsten GI aller gängigen Zuckeralkohole – ungefähr halb so hoch wie Zucker.2 Besonders relevant: Dieser Wert gilt weitgehend unabhängig von der verzehrten Menge und vom Stoffwechselzustand (auch bei Typ-1- und Typ-2-Diabetes).1
Maltit kommt Zucker in Geschmack und Textur besonders nahe und lässt sich gut verarbeiten – deshalb greifen Hersteller gern darauf zurück, gerade für Schokolade. Der Preis für diese „Zuckerähnlichkeit” ist eben auch ein zuckerähnlicherer Effekt auf den Blutzucker.
Konkret bei ahead: Erythrit ja, aber eben nicht überall
Ein fairer Blick auf die Produkte zeigt ein gemischtes Bild. Viele ahead-Produkte (etwa die Gummibärchen oder diverse Candy Bars) setzen auf Erythrit – das ist konsequent, denn Erythrit hat einen GI von praktisch 0 und ist damit tatsächlich sehr blutzuckerfreundlich.3
Andere Produkte derselben Marke sind aber mit Maltit gesüßt. Bei den „Dark Choco Chunks” etwa lautet die Zutatenliste schlicht: Kakaomasse, Süßungsmittel Maltit, Kakaobutter, Emulgator.4 Auch mehrere Riegel enthalten Maltit, teils kombiniert mit Sorbit und Isomalt.4 ahead selbst weist bei den Chunks korrekt darauf hin, dass Maltit „den Blutzuckerspiegel weniger stark ansteigen lässt als Zucker” – das stimmt, ist aber eben nicht dasselbe wie „hebt den Blutzucker nicht”.4
Wichtig zur Einordnung: ahead deklariert Maltit und Erythrit ordnungsgemäß als Kohlenhydrate und weist darauf hin, dass sie nur teilweise verstoffwechselt werden.4 Das Problem ist also weniger eine falsche Angabe als vielmehr die Wahrnehmung: Der große Aufdruck „zuckerfrei” bleibt hängen – die Feinheit „Maltit hebt den Blutzucker trotzdem an” nicht.
Die zweite Falle: was „zuckerfrei” rechtlich überhaupt bedeutet
Evidenzstufe: gesichert (EU-Recht)
Hier liegt der eigentliche Aufklärungspunkt. Nach der EU-Health-Claims-Verordnung bezieht sich „zuckerfrei” ausschließlich auf klassischen Zucker (Einfach- und Zweifachzucker) und bedeutet: höchstens 0,5 g Zucker pro 100 g.5 „Ohne Zuckerzusatz” heißt lediglich, dass kein Haushaltszucker oder süßende Zutat zugefügt wurde – natürlicher Zucker (etwa aus Milch) darf enthalten sein.5
Der entscheidende Haken: Zuckeralkohole wie Maltit zählen rechtlich als Süßungsmittel, nicht als Zucker. Sie tauchen deshalb in der Nährwerttabelle gar nicht in der Zeile „davon Zucker” auf – obwohl sie den Blutzucker heben können.6 Ein Produkt kann also völlig zu Recht „zuckerfrei” heißen und in der „davon Zucker”-Zeile eine niedrige Zahl zeigen – und trotzdem über Maltit den Blutzucker spürbar anheben.
Die dritte Falle: „Ballaststoffe”, die keine sind (IMO)
Evidenzstufe: gut belegt
Neben dem süßenden Zuckeralkohol lohnt ein zweiter Blick auf die als „Ballaststoffe” ausgewiesenen Zutaten – besonders auf IMO (Isomalto-Oligosaccharide). Es taucht vor allem in „High-Fiber”- und „Low-Carb”-Riegeln auf, oft mit mehr als 15 g pro Riegel.7 Und es ist ein Musterbeispiel dafür, wie eine korrekte Deklaration trotzdem in die Irre führen kann.
Der Hintergrund: Ob ein Kohlenhydrat als „Ballaststoff” gilt, wird oft mit einem Labortest über ein Pilz-Enzym geprüft. Dieses Enzym kann IMO kaum spalten – also erscheint IMO im Test als unverdaulich und darf als Ballaststoff geführt werden.8 Die menschlichen Verdauungsenzyme im Dünndarm zerlegen IMO aber weitgehend zu Glukose – nur langsamer als normalen Zucker.8 Studien bestätigen das: Nach IMO stiegen Blutzucker und Insulin messbar an, anders als nach echter löslicher Faser.7 Die Autoren einer Vergleichsstudie halten deshalb ausdrücklich fest, dass IMO kein Ballaststoff ist, sondern ein langsam verdauliches Kohlenhydrat.7
Viele Low-Carb-Produkte werben mit „Netto-Kohlenhydraten” – dabei werden Ballaststoffe (und oft Zuckeralkohole) von den Gesamtkohlenhydraten abgezogen. Wird IMO als Ballaststoff herausgerechnet, sieht ein Riegel auf dem Papier sehr kohlenhydratarm aus – obwohl das IMO den Blutzucker tatsächlich hebt. Eine US-Markterhebung fand, dass Ballaststoffgehalt und Blutzuckerwirkung vieler kommerzieller IMO-Produkte nicht zu den Etikettenangaben passten – ungeeignet gerade für Diabetes oder eine ketogene Ernährung.8
Und dann ist da noch die Verdauung
Ein zweiter, sehr praktischer Nachteil von Maltit (und anderen Polyolen in größeren Mengen): Sie können abführend wirken und Blähungen verursachen.2 In der EU müssen Produkte mit mehr als 10 g bestimmter Zuckeralkohole pro 100 g sogar einen Warnhinweis auf die mögliche abführende Wirkung tragen.2 Wer eine ganze Tafel „zuckerfreier” Schokolade isst, spürt das mitunter deutlich.
- Zutatenliste lesen, nicht nur die Vorderseite. Steht dort „Maltit” oder „Maltitsirup”, ist bei Blutzucker-Empfindlichkeit Vorsicht angebracht.
- Erythrit, Mannit (GI 0) sind blutzuckerfreundlich; Sorbit, Isomalt, Xylit (GI 9–13) meist wenig problematisch; Maltit (GI 35) ist die Ausnahme.
- Auch bei „Ballaststoffen” hinschauen. Steht „IMO” oder „Isomalto-Oligosaccharide” in der Liste, ist die „Netto-Carb”-Angabe mit Vorsicht zu genießen.
- Selbst testen. Wenn Sie ein CGM oder Messgerät nutzen, prüfen Sie die individuelle Reaktion – sie ist von Person zu Person verschieden.
- Bei Diabetes oder Insulintherapie die Anrechnung mit dem Behandlungsteam besprechen.
Wie einzelne „zuckerfreie” Produkte in meinem eigenen CGM-Verlauf abschneiden, dokumentiere ich als persönliche Einzelfallbeobachtung im Praxislabor. Das ist ausdrücklich keine allgemeine Empfehlung – individuelle Reaktionen unterscheiden sich, gerade bei Zuckeralkoholen.
Das Wichtigste in Kürze
- „Zuckerfrei” heißt nicht „blutzuckerneutral” – es bezieht sich rechtlich nur auf klassischen Zucker.
- Zuckeralkohole erscheinen nicht in der „davon Zucker”-Zeile, können den Blutzucker aber heben.
- Maltit hat mit GI 35 den höchsten Wert der gängigen Zuckeralkohole (~halb so hoch wie Zucker).
- Erythrit (GI 0) ist dagegen sehr blutzuckerfreundlich – die Wahl des Süßungsmittels entscheidet.
- IMO wird als „Ballaststoff” deklariert, ist aber weitgehend ein langsam verdauliches Kohlenhydrat und hebt den Blutzucker – die „Netto-Carb”-Angabe täuscht dann.
- Bei ahead & Co.: Zutatenliste prüfen – Erythrit-Produkte sind unkritischer als Maltit- oder IMO-Produkte.
- Maltit kann zudem abführend wirken.
Quellen
Alle Quellenstand: 13.07.2026.
- Livesey G: Health potential of polyols as sugar replacers, with emphasis on low glycaemic properties. Nutrition Research Reviews (2003); GI-Werte: Erythrit 0, Mannit 0, Sorbit 9, Isomalt 9, Xylit 13, Maltit 35, Polyglycitol 39; Saccharose 65, Glukose 100; unabhängig von Menge/Stoffwechselzustand. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19087388
- Zuckeralkohole im Vergleich: Maltit mit dem höchsten GI der Gruppe (~halb so hoch wie Zucker); mögliche abführende Wirkung, EU-Warnhinweis ab bestimmten Mengen. WhatSugar / glycemicindex.com. whatsugar.com
- Erythrit wird kaum verstoffwechselt, GI praktisch 0, sehr geringer Blutzuckereffekt. PMC (2025). ncbi.nlm.nih.gov/PMC12352310
- ahead-Produktangaben: „Dark Choco Chunks” mit Maltit; Riegel-Zutatenlisten mit Maltit/Sorbit/Isomalt; Hinweis „Maltit/Erythrit als Kohlenhydrate gekennzeichnet, nur teilweise verstoffwechselt”. ahead-nutrition.com. ahead-nutrition.com
- EU-Health-Claims-Verordnung: „zuckerfrei” ≤ 0,5 g Zucker/100 g; „ohne Zuckerzusatz” = kein zugesetzter Mono-/Disaccharid, natürlicher Zucker erlaubt. Verbraucherzentrale. verbraucherzentrale.de
- Zuckeralkohole zählen rechtlich als Süßungsmittel, nicht als Zucker; die Zeile „davon Zucker” umfasst nur Ein-/Zweifachzucker. zeichencheck.de / UGB. zeichencheck.de
- Lowery et al., Journal of Metabolic Health (2018): IMO hob Blutzucker und Insulin bei Minute 30 signifikant gegenüber löslicher Maisfaser/Placebo; Fazit: IMO ist kein Ballaststoff, sondern ein langsam verdauliches Kohlenhydrat; oft >15 g/Riegel. journalofmetabolichealth.org
- Menschliche α-Glukosidasen spalten IMO vollständig (langsam) zu Glukose; der Pilz-Enzym-Labortest führt zur Fehleinstufung als Faser; Markterhebung: Etikettenangaben (Fasergehalt/glykämische Wirkung) oft unzutreffend – ungeeignet bei Diabetes/Keto. ScienceDirect (2022) / PMC. ncbi.nlm.nih.gov/PMC5872719