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„Zuckerfrei” und trotzdem ein Blutzuckeranstieg: die Sache mit Maltit & Co.

Immer mehr Süßigkeiten werben mit „zuckerfrei”, „ohne Zuckerzusatz” oder „kohlenhydratarm” – etwa von Marken wie ahead. Für viele klingt das nach „darf ich ohne Bedenken naschen”. Doch manche dieser Produkte heben den Blutzucker spürbar. Zwei Zutaten sind dabei entscheidend: der Zuckeralkohol Maltit und der als „Ballaststoff” deklarierte Stoff IMO. Woran das liegt, worauf man achten sollte – und wo genau das Problem steckt.

Autor: Sascha Radermacher
Zuletzt aktualisiert: 13.07.2026
Evidenz: gesichert (Kennzeichnungsrecht + GI-Daten)
Illustration zuckerfreie Süssigkeiten und Blutzucker Warme Szene mit einer Schokoladentafel mit Aufschrift zuckerfrei und einer Blutzuckerkurve, die im Hintergrund unerwartet ansteigt. Symbolisiert, dass als zuckerfrei beworbene Süssigkeiten den Blutzucker trotzdem anheben können. zuckerfrei? … und der Blutzucker steigt Nicht alles, was „zuckerfrei“ heißt, bleibt blutzucker- neutral. Der Blick auf die Zutatenliste lohnt sich – besonders bei Maltit.

Wer seinen Blutzucker im Blick hat, freut sich über die wachsende Auswahl an „zuckerfreien” Snacks. Und tatsächlich sind viele davon eine sinnvolle Alternative zu klassischer Schokolade. Das Problem entsteht dort, wo das Etikett mehr verspricht, als der Inhalt hält – und wo ein bestimmter Zuckeraustauschstoff ins Spiel kommt: Maltit.

Die erste Falle: nicht jeder Zuckeralkohol ist gleich

Evidenzstufe: gesichert

„Zuckerfreie” Süßigkeiten werden meist mit Zuckeralkoholen (Polyolen) gesüßt. Diese Gruppe ist aber alles andere als einheitlich. Manche heben den Blutzucker praktisch gar nicht – andere durchaus deutlich. Ausschlaggebend ist der glykämische Index (GI), der angibt, wie stark ein Stoff den Blutzucker steigen lässt (0 = kein Anstieg, 100 = reine Glukose).

Glykämischer Index von Zuckeralkoholen im Vergleich Balkendiagramm des glykämischen Index verschiedener Süssungsmittel nach Livesey 2003. Erythrit 0, Mannit 0, Isomalt 9, Sorbit 9, Xylit 13, Maltit 35, Polyglycitol 39, zum Vergleich Haushaltszucker 65 und Glukose 100. Maltit hat den mit Abstand höchsten glykämischen Index unter den gängigen Zuckeralkoholen, etwa halb so hoch wie Haushaltszucker. Wie stark heben Süßungsmittel den Blutzucker? Glykämischer Index (0 = kein Anstieg, 100 = Glukose) – nach Livesey 2003 020406080100 Erythrit0 Mannit0 Sorbit9 Isomalt9 Xylit13 Maltit35 Maltitsirup*39 Haushaltszucker65 *Polyglycitol/Maltitsirup. Glukose als Referenz = 100. Werte gelten unabhängig von der verzehrten Menge (bis 50 g).
Abb. 1: Der glykämische Index gängiger Zuckeralkohole nach Livesey (2003). Erythrit und Mannit liegen bei 0, Maltit dagegen bei 35 – dem mit Abstand höchsten Wert der Gruppe, etwa halb so hoch wie Haushaltszucker.

Die viel zitierte wissenschaftliche Referenz (Livesey, 2003) zeigt die Spannweite deutlich: Erythrit 0, Mannit 0, Sorbit 9, Isomalt 9, Xylit 13 – aber Maltit 35, und Maltitsirup sogar rund 39.1 Zum Vergleich: Haushaltszucker liegt bei 65. Maltit hat damit den höchsten GI aller gängigen Zuckeralkohole – ungefähr halb so hoch wie Zucker.2 Besonders relevant: Dieser Wert gilt weitgehend unabhängig von der verzehrten Menge und vom Stoffwechselzustand (auch bei Typ-1- und Typ-2-Diabetes).1

ℹ️ Warum ausgerechnet Maltit?

Maltit kommt Zucker in Geschmack und Textur besonders nahe und lässt sich gut verarbeiten – deshalb greifen Hersteller gern darauf zurück, gerade für Schokolade. Der Preis für diese „Zuckerähnlichkeit” ist eben auch ein zuckerähnlicherer Effekt auf den Blutzucker.

Konkret bei ahead: Erythrit ja, aber eben nicht überall

Ein fairer Blick auf die Produkte zeigt ein gemischtes Bild. Viele ahead-Produkte (etwa die Gummibärchen oder diverse Candy Bars) setzen auf Erythrit – das ist konsequent, denn Erythrit hat einen GI von praktisch 0 und ist damit tatsächlich sehr blutzuckerfreundlich.3

Andere Produkte derselben Marke sind aber mit Maltit gesüßt. Bei den „Dark Choco Chunks” etwa lautet die Zutatenliste schlicht: Kakaomasse, Süßungsmittel Maltit, Kakaobutter, Emulgator.4 Auch mehrere Riegel enthalten Maltit, teils kombiniert mit Sorbit und Isomalt.4 ahead selbst weist bei den Chunks korrekt darauf hin, dass Maltit „den Blutzuckerspiegel weniger stark ansteigen lässt als Zucker” – das stimmt, ist aber eben nicht dasselbe wie „hebt den Blutzucker nicht”.4

Fair bleiben: Die Kennzeichnung ist korrekt

Wichtig zur Einordnung: ahead deklariert Maltit und Erythrit ordnungsgemäß als Kohlenhydrate und weist darauf hin, dass sie nur teilweise verstoffwechselt werden.4 Das Problem ist also weniger eine falsche Angabe als vielmehr die Wahrnehmung: Der große Aufdruck „zuckerfrei” bleibt hängen – die Feinheit „Maltit hebt den Blutzucker trotzdem an” nicht.

Die zweite Falle: was „zuckerfrei” rechtlich überhaupt bedeutet

Evidenzstufe: gesichert (EU-Recht)

Hier liegt der eigentliche Aufklärungspunkt. Nach der EU-Health-Claims-Verordnung bezieht sich „zuckerfrei” ausschließlich auf klassischen Zucker (Einfach- und Zweifachzucker) und bedeutet: höchstens 0,5 g Zucker pro 100 g.5 „Ohne Zuckerzusatz” heißt lediglich, dass kein Haushaltszucker oder süßende Zutat zugefügt wurde – natürlicher Zucker (etwa aus Milch) darf enthalten sein.5

Der entscheidende Haken: Zuckeralkohole wie Maltit zählen rechtlich als Süßungsmittel, nicht als Zucker. Sie tauchen deshalb in der Nährwerttabelle gar nicht in der Zeile „davon Zucker” auf – obwohl sie den Blutzucker heben können.6 Ein Produkt kann also völlig zu Recht „zuckerfrei” heißen und in der „davon Zucker”-Zeile eine niedrige Zahl zeigen – und trotzdem über Maltit den Blutzucker spürbar anheben.

Warum zuckerfrei nicht blutzuckerneutral bedeutet Erklärung in drei Schritten, warum als zuckerfrei oder ohne Zuckerzusatz beworbene Süssigkeiten den Blutzucker heben können. Erstens: zuckerfrei bezieht sich rechtlich nur auf klassischen Zucker, höchstens 0,5 Gramm pro 100 Gramm. Zweitens: Zuckeralkohole wie Maltit zählen rechtlich als Süssungsmittel, nicht als Zucker, und erscheinen daher nicht in der Zeile davon Zucker. Drittens: Maltit hat aber einen glykämischen Index von 35 und hebt den Blutzucker spürbar. Warum „zuckerfrei“ nicht „blutzuckerneutral“ heißt Drei Punkte, die das Etikett nicht auf den ersten Blick verrät 1 Nur klassischer Zucker „Zuckerfrei“ meint rechtlich nur Einfach- und Zweifach- zucker: max. 0,5 g / 100 g. Polyole sind ausgenommen. 2 Nicht in „davon Zucker“ Zuckeralkohole zählen als Süßungsmittel, nicht als Zucker. Sie tauchen in dieser Zeile gar nicht auf. 3 Maltit hebt trotzdem Maltit hat einen glykämischen Index von 35 – etwa halb so hoch wie Haushaltszucker und hebt den Blutzucker spürbar. Merke: Zutatenliste lesen – steht dort Maltit (oder Maltitsirup), ist Vorsicht angebracht.
Abb. 2: Drei Gründe, warum als „zuckerfrei” beworbene Süßigkeiten den Blutzucker trotzdem heben können.

Die dritte Falle: „Ballaststoffe”, die keine sind (IMO)

Evidenzstufe: gut belegt

Neben dem süßenden Zuckeralkohol lohnt ein zweiter Blick auf die als „Ballaststoffe” ausgewiesenen Zutaten – besonders auf IMO (Isomalto-Oligosaccharide). Es taucht vor allem in „High-Fiber”- und „Low-Carb”-Riegeln auf, oft mit mehr als 15 g pro Riegel.7 Und es ist ein Musterbeispiel dafür, wie eine korrekte Deklaration trotzdem in die Irre führen kann.

Der Hintergrund: Ob ein Kohlenhydrat als „Ballaststoff” gilt, wird oft mit einem Labortest über ein Pilz-Enzym geprüft. Dieses Enzym kann IMO kaum spalten – also erscheint IMO im Test als unverdaulich und darf als Ballaststoff geführt werden.8 Die menschlichen Verdauungsenzyme im Dünndarm zerlegen IMO aber weitgehend zu Glukose – nur langsamer als normalen Zucker.8 Studien bestätigen das: Nach IMO stiegen Blutzucker und Insulin messbar an, anders als nach echter löslicher Faser.7 Die Autoren einer Vergleichsstudie halten deshalb ausdrücklich fest, dass IMO kein Ballaststoff ist, sondern ein langsam verdauliches Kohlenhydrat.7

Warum als Ballaststoff deklariertes IMO den Blutzucker heben kann Erklärung in drei Schritten am Beispiel Isomalto-Oligosaccharide, kurz IMO. Erstens: IMO wird auf Etiketten als Ballaststoff oder präbiotische Faser geführt, weil ein Labortest mit Pilz-Enzym es als unverdaulich einstuft. Zweitens: die menschlichen Darmenzyme spalten IMO aber weitgehend zu Glukose, nur langsamer. Drittens: dadurch fällt IMO aus der Netto-Kohlenhydrat-Rechnung heraus, hebt den Blutzucker aber trotzdem. IMO steckt oft in als high fiber oder low carb beworbenen Proteinriegeln. Der zweite Trick: „Ballaststoff“, der keiner ist (IMO) IMO = Isomalto-Oligosaccharide, häufig in „High-Fiber“- und „Low-Carb“-Riegeln 1 Etikett: „Ballaststoff“ Ein Labortest mit Pilz-Enzym stuft IMO als unverdaulich ein – also wird es als Faser deklariert. 2 Körper: doch Glukose Die menschlichen Darmenzyme spalten IMO weitgehend zu Glukose – nur langsamer als normaler Zucker. 3 Netto-Carbs täuschen Als „Ballaststoff“ wird IMO aus den Netto-Kohlenhydraten herausgerechnet – hebt den Blutzucker aber trotzdem. Studien zeigen: IMO hebt Blutzucker und Insulin messbar – anders als echte losliche Faser. Fachlich gelten IMO daher als langsam verdauliche Kohlenhydrate, nicht als Ballaststoff.
Abb. 3: Warum als „Ballaststoff” deklariertes IMO den Blutzucker trotzdem hebt – und über die Netto-Kohlenhydrat-Rechnung aus der Bilanz fällt.
Warum das praktisch zählt: die „Netto-Carb”-Rechnung

Viele Low-Carb-Produkte werben mit „Netto-Kohlenhydraten” – dabei werden Ballaststoffe (und oft Zuckeralkohole) von den Gesamtkohlenhydraten abgezogen. Wird IMO als Ballaststoff herausgerechnet, sieht ein Riegel auf dem Papier sehr kohlenhydratarm aus – obwohl das IMO den Blutzucker tatsächlich hebt. Eine US-Markterhebung fand, dass Ballaststoffgehalt und Blutzuckerwirkung vieler kommerzieller IMO-Produkte nicht zu den Etikettenangaben passten – ungeeignet gerade für Diabetes oder eine ketogene Ernährung.8

Und dann ist da noch die Verdauung

Ein zweiter, sehr praktischer Nachteil von Maltit (und anderen Polyolen in größeren Mengen): Sie können abführend wirken und Blähungen verursachen.2 In der EU müssen Produkte mit mehr als 10 g bestimmter Zuckeralkohole pro 100 g sogar einen Warnhinweis auf die mögliche abführende Wirkung tragen.2 Wer eine ganze Tafel „zuckerfreier” Schokolade isst, spürt das mitunter deutlich.

⚠️ Worauf Sie achten sollten
  • Zutatenliste lesen, nicht nur die Vorderseite. Steht dort „Maltit” oder „Maltitsirup”, ist bei Blutzucker-Empfindlichkeit Vorsicht angebracht.
  • Erythrit, Mannit (GI 0) sind blutzuckerfreundlich; Sorbit, Isomalt, Xylit (GI 9–13) meist wenig problematisch; Maltit (GI 35) ist die Ausnahme.
  • Auch bei „Ballaststoffen” hinschauen. Steht „IMO” oder „Isomalto-Oligosaccharide” in der Liste, ist die „Netto-Carb”-Angabe mit Vorsicht zu genießen.
  • Selbst testen. Wenn Sie ein CGM oder Messgerät nutzen, prüfen Sie die individuelle Reaktion – sie ist von Person zu Person verschieden.
  • Bei Diabetes oder Insulintherapie die Anrechnung mit dem Behandlungsteam besprechen.
Meine persönliche Beobachtung (n=1)

Wie einzelne „zuckerfreie” Produkte in meinem eigenen CGM-Verlauf abschneiden, dokumentiere ich als persönliche Einzelfallbeobachtung im Praxislabor. Das ist ausdrücklich keine allgemeine Empfehlung – individuelle Reaktionen unterscheiden sich, gerade bei Zuckeralkoholen.

Das Wichtigste in Kürze

  • „Zuckerfrei” heißt nicht „blutzuckerneutral” – es bezieht sich rechtlich nur auf klassischen Zucker.
  • Zuckeralkohole erscheinen nicht in der „davon Zucker”-Zeile, können den Blutzucker aber heben.
  • Maltit hat mit GI 35 den höchsten Wert der gängigen Zuckeralkohole (~halb so hoch wie Zucker).
  • Erythrit (GI 0) ist dagegen sehr blutzuckerfreundlich – die Wahl des Süßungsmittels entscheidet.
  • IMO wird als „Ballaststoff” deklariert, ist aber weitgehend ein langsam verdauliches Kohlenhydrat und hebt den Blutzucker – die „Netto-Carb”-Angabe täuscht dann.
  • Bei ahead & Co.: Zutatenliste prüfen – Erythrit-Produkte sind unkritischer als Maltit- oder IMO-Produkte.
  • Maltit kann zudem abführend wirken.

Quellen

Alle Quellenstand: 13.07.2026.

  1. Livesey G: Health potential of polyols as sugar replacers, with emphasis on low glycaemic properties. Nutrition Research Reviews (2003); GI-Werte: Erythrit 0, Mannit 0, Sorbit 9, Isomalt 9, Xylit 13, Maltit 35, Polyglycitol 39; Saccharose 65, Glukose 100; unabhängig von Menge/Stoffwechselzustand. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19087388
  2. Zuckeralkohole im Vergleich: Maltit mit dem höchsten GI der Gruppe (~halb so hoch wie Zucker); mögliche abführende Wirkung, EU-Warnhinweis ab bestimmten Mengen. WhatSugar / glycemicindex.com. whatsugar.com
  3. Erythrit wird kaum verstoffwechselt, GI praktisch 0, sehr geringer Blutzuckereffekt. PMC (2025). ncbi.nlm.nih.gov/PMC12352310
  4. ahead-Produktangaben: „Dark Choco Chunks” mit Maltit; Riegel-Zutatenlisten mit Maltit/Sorbit/Isomalt; Hinweis „Maltit/Erythrit als Kohlenhydrate gekennzeichnet, nur teilweise verstoffwechselt”. ahead-nutrition.com. ahead-nutrition.com
  5. EU-Health-Claims-Verordnung: „zuckerfrei” ≤ 0,5 g Zucker/100 g; „ohne Zuckerzusatz” = kein zugesetzter Mono-/Disaccharid, natürlicher Zucker erlaubt. Verbraucherzentrale. verbraucherzentrale.de
  6. Zuckeralkohole zählen rechtlich als Süßungsmittel, nicht als Zucker; die Zeile „davon Zucker” umfasst nur Ein-/Zweifachzucker. zeichencheck.de / UGB. zeichencheck.de
  7. Lowery et al., Journal of Metabolic Health (2018): IMO hob Blutzucker und Insulin bei Minute 30 signifikant gegenüber löslicher Maisfaser/Placebo; Fazit: IMO ist kein Ballaststoff, sondern ein langsam verdauliches Kohlenhydrat; oft >15 g/Riegel. journalofmetabolichealth.org
  8. Menschliche α-Glukosidasen spalten IMO vollständig (langsam) zu Glukose; der Pilz-Enzym-Labortest führt zur Fehleinstufung als Faser; Markterhebung: Etikettenangaben (Fasergehalt/glykämische Wirkung) oft unzutreffend – ungeeignet bei Diabetes/Keto. ScienceDirect (2022) / PMC. ncbi.nlm.nih.gov/PMC5872719