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Kohlenhydrate verstehen: Menge und Qualität entscheiden

Kohlenhydrate sind der Nährstoff mit dem größten Einfluss auf den Blutzucker. Aber nicht alle wirken gleich – entscheidend sind die Menge und die Art. Ein Überblick, der Schluss macht mit dem Mythos „komplex = immer gut”.

Autor: Sascha Radermacher
Zuletzt aktualisiert: 12.07.2026
Evidenz: gesichert (Kohorten/Reviews)
Illustration Kohlenhydrate Warme Szene mit drei Lebensmittelgruppen: Zucker und Süssigkeiten für einfache Kohlenhydrate, Vollkornbrot und Kartoffeln für komplexe Kohlenhydrate und Gemüse für ballaststoffreiche Lebensmittel. Nicht alle Kohlenhydrate wirken gleich 🍪 einfach 🍞 komplex 🥦 ballaststoffreich Menge und Qualität entscheiden, wie stark der Blutzucker steigt.

Von allen Nährstoffen treiben Kohlenhydrate den Blutzucker am stärksten – denn sie werden zu Glukose abgebaut, die ins Blut übergeht. Umso wichtiger ist es zu verstehen, welche Kohlenhydrate wie wirken.

Die drei Grundtypen

Traditionell unterscheidet man einfache Kohlenhydrate (Zucker, z. B. in Süßem, aber auch in Obst und Milch), komplexe Kohlenhydrate (Stärke, z. B. in Getreide, Kartoffeln, Hülsenfrüchten) und Ballaststoffe.1 Einfache Zucker werden meist schnell aufgenommen, Stärke langsamer, und Ballaststoffe liefern kaum Glukose ins Blut.1

Warum „komplex = langsam” zu einfach ist

Lange galt: einfach = schnell, komplex = langsam. Doch die tatsächliche Blutzuckerwirkung komplexer Kohlenhydrate schwankt stark – Weißbrot etwa lässt den Blutzucker schneller steigen als viele zuckerhaltige Früchte.2 Deshalb wurden bessere Maße entwickelt.

Glykämischer Index und glykämische Last

Evidenzstufe: gut belegt

Der glykämische Index (GI) rangiert Lebensmittel danach, wie schnell sie den Blutzucker steigen lassen. Die glykämische Last (GL) ist aussagekräftiger, weil sie zusätzlich berücksichtigt, wie viel Kohlenhydrate eine übliche Portion enthält.23

Glykämischer Index gegenüber glykämischer Last Erklärung zweier Kennzahlen: Der glykämische Index misst, wie schnell ein Kohlenhydrat den Blutzucker steigen lässt. Die glykämische Last berücksichtigt zusätzlich die Menge pro Portion und ist deshalb aussagekräftiger. Beispiel Wassermelone: hoher Index, aber niedrige Last, weil eine Portion wenig Kohlenhydrate enthält. Niedrige Last liegt bei 10 oder darunter, mittlere bei 11 bis 19, hohe bei 20 oder mehr. Glykämischer Index und glykämische Last Zwei Kennzahlen – die Last ist die aussagekräftigere Glykämischer Index (GI) Wie schnell ein Kohlenhydrat den Blutzucker steigen lässt. Berücksichtigt nicht die Menge. Glykämische Last (GL) GI × Menge pro Portion. Berücksichtigt auch, wie viel man tatsächlich isst. niedrig: 10 oder weniger mittel: 11–19 hoch: 20 oder mehr Beispiel Wassermelone: hoher GI, aber niedrige GL – eine Portion enthält wenig Kohlenhydrate.
Abb. 1: GI misst die Geschwindigkeit, GL berücksichtigt auch die Menge. Das Beispiel Wassermelone zeigt: hoher GI, aber niedrige Last.

Das klassische Beispiel ist die Wassermelone: hoher GI, aber niedrige GL, weil eine normale Portion wenig Kohlenhydrate enthält.3 Eine niedrige GL liegt bei 10 oder darunter, mittel bei 11–19, hoch ab 20.3

Was in der Praxis zählt

Die Blutzuckerwirkung hängt nicht nur vom Kohlenhydrat ab, sondern auch von Begleitstoffen: Ballaststoffe, Eiweiß und Fett verlangsamen die Aufnahme. Eine kohlenhydratärmere oder ballaststoffreichere Zusammenstellung senkt die Blutzuckerspitze – belegt in mehreren Interventionsstudien.4 Praktisch heißt das: mehr Vollkorn, Hülsenfrüchte, Gemüse und Obst mit Schale, weniger raffinierten Zucker, Weißmehl und weißen Reis.2

⚠️ Kein pauschales Verbot

Kohlenhydrate sind nicht „schlecht” – sie sind eine wichtige Energiequelle. Eine sehr kohlenhydratarme Ernährung ist nicht für jeden geeignet und sollte bei bestehenden Erkrankungen oder Medikamenten ärztlich begleitet werden. Es geht um Auswahl und Menge, nicht um Verzicht um jeden Preis.

Das Wichtigste in Kürze

  • Kohlenhydrate beeinflussen den Blutzucker am stärksten.
  • Drei Typen: einfach (Zucker), komplex (Stärke), Ballaststoffe.
  • „Komplex = langsam” ist zu simpel – die tatsächliche Wirkung schwankt.
  • Die glykämische Last ist aussagekräftiger als der Index allein.
  • Ballaststoffe, Eiweiß und Fett dämpfen die Blutzuckerspitze.

Quellen

Alle Quellenstand: 12.07.2026.

  1. City of Hope / ScienceInsights: einfache vs. komplexe Kohlenhydrate vs. Ballaststoffe; Aufnahmegeschwindigkeit. cityofhope.org
  2. Linus Pauling Institute, Oregon State University: „simpel/komplex” zu vereinfacht; GI-Konzept; niedrig-GI/GL zur Glukosekontrolle. lpi.oregonstate.edu
  3. Harvard T.H. Chan – The Nutrition Source: GL = GI × Menge; Grenzwerte ≤10/11–19/≥20; Wassermelonen-Beispiel. nutritionsource.hsph.harvard.edu
  4. Review: Entweder Kohlenhydratmenge senken oder löslichen Ballaststoff erhöhen dämpft postprandiale Glukose. PMC (2020). ncbi.nlm.nih.gov/PMC7352659