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Wenn der Sensor „lügt”: Messlücken und Verzögerung beim CGM

Mein CGM ist das nützlichste Werkzeug, das ich habe – aber es misst nicht im Blut. Es misst in der Gewebeflüssigkeit, und das hat Folgen: Bei schnellen Änderungen zeigt es erst zu hoch, dann zu tief – und korrigiert sich danach selbst. Dazu kommen echte Lücken, etwa beim Sensorwechsel. Was ich gelernt habe.

Autor: Sascha Radermacher
Zuletzt aktualisiert: 16.07.2026
Evidenz: gesichert (Mechanismus) · n=1 Beispiele

Der Kern: Blut zuerst, Gewebe danach

Evidenzstufe: gesichert

Ein CGM misst die Glukose nicht im Blut, sondern in der Flüssigkeit zwischen den Zellen. Der Blutzucker ändert sich zuerst, die Sensorglukose folgt – die Verzögerung liegt je nach Situation etwa bei 2 bis 20 Minuten.1 Solange sich der Wert kaum bewegt (Änderungsrate unter etwa 1 mg/dl pro Minute), sind Blut und Gewebe praktisch gleich.2 Erst wenn es schnell geht, wird die Lücke sichtbar.

Genau das sieht man an meinem Biergarten-Abend

Über- und Unterschwinger bei schnellen Änderungen Schematische Darstellung nach eigenem CGM-Verlauf. Bei einem schnellen Anstieg zeigt der Sensor den Gipfel verzögert und kann überschiessen, hier etwa 190 mg pro Deziliter. Beim schnellen Abfall folgt ein Unterschwinger unter den Zielbereich auf etwa 78 mg pro Deziliter. Danach pendelt sich der Wert bei etwa 100 ein und bleibt stabil. Der Grund ist die Verzögerung zwischen Blut und Gewebeflüssigkeit von etwa 2 bis 20 Minuten. Einzelfallbeobachtung. Der Ausschlag – und was danach passiert Einzelfallbeobachtung (n=1) – schematisch nach eigenem CGM-Verlauf Zielband 70–160 mg/dl 20015010050 ~190 Überschwinger ~78 Unterschwinger pendelt sich ein (~100) Warum: Der Sensor misst nicht im Blut, sondern in der Gewebeflüssigkeit. Bei schnellen Änderungen hinkt er 2–20 Minuten hinterher – und schiesst beim Umschwung erst über, dann unter.
Abb. 1: Mein Verlauf vom 16. Juli, schematisch – Überschwinger auf ~190, Unterschwinger auf ~78 unter das Zielband, dann Einpendeln bei ~100.

Nach dem unerwarteten Zuckerschub (die Spurensuche steht hier) zeigte mein Sensor um 19:42 Uhr 205 mg/dl mit steil steigendem Pfeil. Im späteren Tagesverlauf – rückblickend, mit geglätteter Kurve – erreicht der Gipfel etwa 190. Dann fällt die Kurve steil, schießt unter das Zielband bis etwa 78 mg/dl durch, und pendelt sich anschließend bei rund 100 ein, wo sie stundenlang ruhig bleibt.

Genau das ist das Muster, das viele verunsichert: Der Sensor überschießt beim schnellen Anstieg und unterschießt beim schnellen Abfall, bevor er sich fängt. Das ist keine Fehlfunktion – es ist die Physik der Gewebeverzögerung plus die Glättungsalgorithmen im Gerät.

ℹ️ Warum die Genauigkeit bei Tempo einbricht

Die übliche Kennzahl für CGM-Genauigkeit ist der MARD. Er wird oft pauschal mit „rund 10 %” angegeben – das ist aber keine feste Eigenschaft. Er hängt von der Änderungsrate, dem System, der Tageszeit und der Körperstelle ab.2 Eine Untersuchung fand: Bei langsamen Änderungen lag der MARD bei etwa 9–11 %, bei schnellen Änderungen über 3 mg/dl pro Minute stieg er auf 19 %.3 Übersetzt: Je steiler die Kurve, desto größer die Unsicherheit der einzelnen Zahl.

Wann die Abweichung am größten ist

Typische Situationen mit schnellen Änderungen – und damit größter Abweichung:1

  • Nach dem Essen, besonders bei schnellen Kohlenhydraten (mein Biergarten-Abend)
  • Während und direkt nach Sport
  • Nach dem Behandeln einer Unterzuckerung – der Sensor zeigt noch tief, obwohl das Blut schon steigt
  • Nach Medikamenten, die den Blutzucker schnell bewegen

Die andere Lücke: der Sensorwechsel

Am 13. Juli steht in meinen Notizen schlicht: „Lücke durch Sensor Wechsel”. Das ist die banale, aber wichtige Sorte Lücke: Zwischen altem und neuem Sensor gibt es schlicht keine Daten. Dazu kommt, dass ein frischer Sensor in den ersten Stunden oft noch nicht auf Betriebstemperatur ist – die Werte können anfangs stärker abweichen.

Mein Umgang damit: Die Lücke als Notiz markieren. Sonst rätsele ich Wochen später, warum da nichts steht – oder schlimmer: ich interpretiere eine Lücke als Ereignis.

Weitere Lücken, die ich kenne

Auch das gehört zur Ehrlichkeit: Kompressions-Tiefs (nachts auf dem Sensor gelegen → falsch-tiefe Werte), Verbindungsabbrüche zum Handy, und schlicht ein Sensor, der zu weit weg ist. Nicht jede Delle in der Kurve ist Stoffwechsel – manche ist Technik.

Was ich daraus mache

  • Trend schlägt Einzelwert. Bei steilem Pfeil ist die Richtung wichtiger als die exakte Zahl.
  • Nicht auf den Ausschlag reagieren, sondern auf das Muster. Der Unterschwinger auf 78 war kein Grund zur Panik – die Kurve hat sich gefangen.
  • Bei Widerspruch zwischen Gefühl und Anzeige: blutig nachmessen. Wenn Symptome nicht zum Sensorwert passen oder der Wert unplausibel ist, gilt die Fingerbeermessung nach Herstellerangaben.
  • Lücken notieren, damit die Auswertung später ehrlich bleibt.
  • In Ruhephasen ist der Sensor am genauesten – dort lohnt der Blick auf absolute Zahlen am meisten.
⚠️ Wichtig

Wer Insulin oder blutzuckersenkende Tabletten nutzt, trifft Therapieentscheidungen nicht auf Basis eines einzelnen, schnell wechselnden Sensorwerts. Bei Symptomen einer Unterzuckerung oder unplausiblen Werten gilt: nach Herstellerangaben blutig kontrollieren und nach dem mit dem Behandlungsteam abgesprochenen Schema handeln. Dieser Artikel beschreibt meine Nutzung ohne Medikamente – er ersetzt keine Schulung und keine ärztliche Beratung.

Das Wichtigste in Kürze

  • CGM misst in der Gewebeflüssigkeit, nicht im Blut – Verzögerung typischerweise 2–20 Minuten.
  • Bei ruhigen Werten stimmen Blut und Gewebe praktisch überein; bei Tempo geht die Schere auf.
  • Bei schnellen Änderungen kann die Kurve über- und danach unterschießen (mein Beispiel: ~190 → ~78 → ~100).
  • MARD ist keine feste Zahl: bei >3 mg/dl/min stieg er in einer Untersuchung von ~9–11 % auf 19 %.
  • Sensorwechsel, Kompressions-Tiefs und Verbindungsabbrüche erzeugen echte Lücken – notieren!
  • Bei unpassenden Symptomen oder unplausiblen Werten: blutig nachmessen (Herstellerangaben).

Quellen

Quellenstand: 16.07.2026.

  1. Blutzucker ändert sich zuerst, Sensorglukose folgt; Lag-Zeit ca. 2–20 Minuten; am deutlichsten bei hohen Änderungsraten, nach Mahlzeiten, nach Behandlung einer Hypoglykämie sowie während/nach Sport. Diabetes Education Services (Zusammenfassung der Fachliteratur). diabetesed.net
  2. Bei Änderungsraten < 1 mg/dl/min sind Blut- und Gewebeglukose praktisch identisch; bei Schwankungen > 1 mg/dl/min treten physiologische Unterschiede auf. MARD hängt u. a. von Änderungsrate, System, Tageszeit und Körperstelle ab und sollte nicht der einzige Kennwert sein. Heinemann et al., J Diabetes Sci Technol (2020). pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31216870
  3. Bei Änderungsraten von −1 bis 3 mg/dl/min MARD ca. 9,4–11,4 %; bei > 3 mg/dl/min Anstieg auf 19,0 % (Flash-Glukose-Monitoring, Mahlzeitentest bei Typ-2-Diabetes). PMC. ncbi.nlm.nih.gov/PMC7199533