Der Kern: Blut zuerst, Gewebe danach
Evidenzstufe: gesichert
Ein CGM misst die Glukose nicht im Blut, sondern in der Flüssigkeit zwischen den Zellen. Der Blutzucker ändert sich zuerst, die Sensorglukose folgt – die Verzögerung liegt je nach Situation etwa bei 2 bis 20 Minuten.1 Solange sich der Wert kaum bewegt (Änderungsrate unter etwa 1 mg/dl pro Minute), sind Blut und Gewebe praktisch gleich.2 Erst wenn es schnell geht, wird die Lücke sichtbar.
Genau das sieht man an meinem Biergarten-Abend
Nach dem unerwarteten Zuckerschub (die Spurensuche steht hier) zeigte mein Sensor um 19:42 Uhr 205 mg/dl mit steil steigendem Pfeil. Im späteren Tagesverlauf – rückblickend, mit geglätteter Kurve – erreicht der Gipfel etwa 190. Dann fällt die Kurve steil, schießt unter das Zielband bis etwa 78 mg/dl durch, und pendelt sich anschließend bei rund 100 ein, wo sie stundenlang ruhig bleibt.
Genau das ist das Muster, das viele verunsichert: Der Sensor überschießt beim schnellen Anstieg und unterschießt beim schnellen Abfall, bevor er sich fängt. Das ist keine Fehlfunktion – es ist die Physik der Gewebeverzögerung plus die Glättungsalgorithmen im Gerät.
Die übliche Kennzahl für CGM-Genauigkeit ist der MARD. Er wird oft pauschal mit „rund 10 %” angegeben – das ist aber keine feste Eigenschaft. Er hängt von der Änderungsrate, dem System, der Tageszeit und der Körperstelle ab.2 Eine Untersuchung fand: Bei langsamen Änderungen lag der MARD bei etwa 9–11 %, bei schnellen Änderungen über 3 mg/dl pro Minute stieg er auf 19 %.3 Übersetzt: Je steiler die Kurve, desto größer die Unsicherheit der einzelnen Zahl.
Wann die Abweichung am größten ist
Typische Situationen mit schnellen Änderungen – und damit größter Abweichung:1
- Nach dem Essen, besonders bei schnellen Kohlenhydraten (mein Biergarten-Abend)
- Während und direkt nach Sport
- Nach dem Behandeln einer Unterzuckerung – der Sensor zeigt noch tief, obwohl das Blut schon steigt
- Nach Medikamenten, die den Blutzucker schnell bewegen
Die andere Lücke: der Sensorwechsel
Am 13. Juli steht in meinen Notizen schlicht: „Lücke durch Sensor Wechsel”. Das ist die banale, aber wichtige Sorte Lücke: Zwischen altem und neuem Sensor gibt es schlicht keine Daten. Dazu kommt, dass ein frischer Sensor in den ersten Stunden oft noch nicht auf Betriebstemperatur ist – die Werte können anfangs stärker abweichen.
Mein Umgang damit: Die Lücke als Notiz markieren. Sonst rätsele ich Wochen später, warum da nichts steht – oder schlimmer: ich interpretiere eine Lücke als Ereignis.
Auch das gehört zur Ehrlichkeit: Kompressions-Tiefs (nachts auf dem Sensor gelegen → falsch-tiefe Werte), Verbindungsabbrüche zum Handy, und schlicht ein Sensor, der zu weit weg ist. Nicht jede Delle in der Kurve ist Stoffwechsel – manche ist Technik.
Was ich daraus mache
- Trend schlägt Einzelwert. Bei steilem Pfeil ist die Richtung wichtiger als die exakte Zahl.
- Nicht auf den Ausschlag reagieren, sondern auf das Muster. Der Unterschwinger auf 78 war kein Grund zur Panik – die Kurve hat sich gefangen.
- Bei Widerspruch zwischen Gefühl und Anzeige: blutig nachmessen. Wenn Symptome nicht zum Sensorwert passen oder der Wert unplausibel ist, gilt die Fingerbeermessung nach Herstellerangaben.
- Lücken notieren, damit die Auswertung später ehrlich bleibt.
- In Ruhephasen ist der Sensor am genauesten – dort lohnt der Blick auf absolute Zahlen am meisten.
Wer Insulin oder blutzuckersenkende Tabletten nutzt, trifft Therapieentscheidungen nicht auf Basis eines einzelnen, schnell wechselnden Sensorwerts. Bei Symptomen einer Unterzuckerung oder unplausiblen Werten gilt: nach Herstellerangaben blutig kontrollieren und nach dem mit dem Behandlungsteam abgesprochenen Schema handeln. Dieser Artikel beschreibt meine Nutzung ohne Medikamente – er ersetzt keine Schulung und keine ärztliche Beratung.
Das Wichtigste in Kürze
- CGM misst in der Gewebeflüssigkeit, nicht im Blut – Verzögerung typischerweise 2–20 Minuten.
- Bei ruhigen Werten stimmen Blut und Gewebe praktisch überein; bei Tempo geht die Schere auf.
- Bei schnellen Änderungen kann die Kurve über- und danach unterschießen (mein Beispiel: ~190 → ~78 → ~100).
- MARD ist keine feste Zahl: bei >3 mg/dl/min stieg er in einer Untersuchung von ~9–11 % auf 19 %.
- Sensorwechsel, Kompressions-Tiefs und Verbindungsabbrüche erzeugen echte Lücken – notieren!
- Bei unpassenden Symptomen oder unplausiblen Werten: blutig nachmessen (Herstellerangaben).
Quellen
Quellenstand: 16.07.2026.
- Blutzucker ändert sich zuerst, Sensorglukose folgt; Lag-Zeit ca. 2–20 Minuten; am deutlichsten bei hohen Änderungsraten, nach Mahlzeiten, nach Behandlung einer Hypoglykämie sowie während/nach Sport. Diabetes Education Services (Zusammenfassung der Fachliteratur). diabetesed.net
- Bei Änderungsraten < 1 mg/dl/min sind Blut- und Gewebeglukose praktisch identisch; bei Schwankungen > 1 mg/dl/min treten physiologische Unterschiede auf. MARD hängt u. a. von Änderungsrate, System, Tageszeit und Körperstelle ab und sollte nicht der einzige Kennwert sein. Heinemann et al., J Diabetes Sci Technol (2020). pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31216870
- Bei Änderungsraten von −1 bis 3 mg/dl/min MARD ca. 9,4–11,4 %; bei > 3 mg/dl/min Anstieg auf 19,0 % (Flash-Glukose-Monitoring, Mahlzeitentest bei Typ-2-Diabetes). PMC. ncbi.nlm.nih.gov/PMC7199533