Ich habe Typ-2-Diabetes und lebe ohne Insulin und ohne Diabetes-Medikamente. Das Muster hier ist meine wiederholte Beobachtung mit dem FreeStyle Libre 3 – und es deckt sich mit der Fachliteratur. Wie stark es ausfällt, ist individuell. Bei Insulin oder Sulfonylharnstoffen ist die Lage anders und heikler (siehe Sicherheitshinweis).
Das Muster: ein Verlauf in zwei Phasen
Ich habe es an vielen Tagen gesehen: Während einer intensiven Einheit sinkt mein Wert – manchmal deutlich. Kurz nachdem ich fertig bin, dreht er und steigt, teils über den Ausgangswert hinaus. Danach pendelt er sich wieder ein. Genau dieser Bogen ist typisch.
Meine eigenen Kurven dazu
Damit das nicht nur Theorie bleibt: Hier zwei echte Ausschnitte aus meinem FreeStyle Libre 3, die das Auf und Ab zeigen. Ich habe sie nur zugeschnitten und die Phasen beschriftet – die Kurven selbst sind unverändert.


Einzelfallbeobachtung (n=1). Es sind nur zwei Beispieltage – sie zeigen das Muster, beweisen aber keine Regelmäßigkeit. An anderen Tagen sah es ruhiger aus.
Warum der Wert zuerst fällt
Evidenzstufe: gesichert
Während der Belastung verbrauchen die arbeitenden Muskeln viel Glukose – teils über einen insulinunabhängigen Weg. Solange die Leber genug Zucker nachliefert, bleibt der Wert stabil. Übersteigt der Verbrauch aber die Nachlieferung, sinkt der Blutzucker.1 In Studien fiel er bei moderater Belastung teils unter 60 mg/dl – und viele merkten davon nichts.1
Warum er danach hochschießt
Evidenzstufe: gesichert
Kurz nach dem Ende kippt die Hormonlage: Der Körper schüttet Stresshormone (Adrenalin, Cortisol) aus, und die Leber gibt Glukose ins Blut ab – eine sinnvolle Gegenregulation, damit der Wert nicht zu tief bleibt.2 Bei intensiven Einheiten (schweres Krafttraining, Sprints, Wettkampf) ist dieser Adrenalin-Schub besonders stark, sodass der Wert über den Ausgangspunkt hinausschießen kann.2 Anaerobe, intensive Belastung hebt den Wert also eher, ruhige Ausdauer senkt ihn.3
Genau hier liegt die große Verwechslungsgefahr. Wer direkt nach dem Training blutig misst, erwischt womöglich den Tiefpunkt und denkt „super, Sport senkt”. Wer eine Stunde später misst, erwischt den Rebound und erschrickt: „warum ist der so hoch?”. Beides ist derselbe Verlauf – nur zu verschiedenen Zeitpunkten. Ein einzelner Fingerstich kann hier komplett in die Irre führen. Genau dafür ist ein CGM so wertvoll: Es zeigt die Richtung, nicht nur einen Punkt.
Wie ich das für mich nutze
- Nicht vom einzelnen Wert verrückt machen lassen. Nach hartem Training ist ein kurzer Hochschuss oft normal und geht von selbst zurück.
- Den Trendpfeil lesen, nicht die eine Zahl.
- Wenn ich den Wert nach dem Training senken will, hilft mir lockeres Auslaufen (10–20 Minuten gehen) besser als noch eine harte Einheit.
- Wenn ich gezielt senken will, wähle ich von vornherein moderate Ausdauer statt Maximalbelastung.
- Ich vergleiche nie „direkt danach” mit „eine Stunde später” – das sind zwei verschiedene Fragen.
Für Menschen mit Insulin oder Sulfonylharnstoffen ist dieser Verlauf gefährlicher: Der Abfall während der Belastung kann in eine echte Unterzuckerung führen, und es gibt ein Risiko für späte, auch nächtliche Unterzuckerungen Stunden nach dem Sport (die Muskeln füllen ihre Speicher wieder auf). Der Rebound nach oben verleitet dann leicht zu einer unnötigen Korrektur, die später ins Minus zieht. Deshalb: Sport, Messzeitpunkte und mögliche Anpassungen von Medikamenten oder Kohlenhydraten immer mit dem Behandlungsteam abstimmen. Dieser Artikel beschreibt meine Situation ohne Medikamente.
Das Wichtigste in Kürze
- Auspowernder Sport (Kraft oder Ausdauer) lässt den Blutzucker oft erst fallen, dann steigen.
- Fallen: Muskeln verbrauchen Glukose (teils insulinunabhängig), Leber kommt nicht nach.
- Steigen: Stresshormone (Adrenalin, Cortisol) heben den Wert danach – bei Intensität über den Ausgangspunkt.
- Mess-Timing ist alles: direkt danach (tief) vs. 1 Std später (hoch) = derselbe Verlauf.
- Trend lesen, nicht den Einzelwert; zum Senken lieber moderate Ausdauer oder lockeres Auslaufen.
- Bei Insulin/Sulfonylharnstoffen: Risiko für (auch späte/nächtliche) Unterzuckerungen – ärztlich abstimmen.
Quellen
Quellenstand: 19.07.2026.
- Während (v. a. moderater/ausdauernder) Belastung kann der Blutzucker deutlich fallen (teils < 60 mg/dl, oft asymptomatisch), wenn die Glukoseaufnahme die Leberproduktion übersteigt; nach dem Ende Rückkehr zur Normoglykämie durch Gegenregulation. Frontiers in Endocrinology (2020). frontiersin.org
- Intensiver Sport (schweres Krafttraining, Sprints, Wettkampf) erhöht den Blutzucker über Stresshormone (Katecholamine); Adrenalin regt die Leber zur Glukoseabgabe an. American Diabetes Association. diabetes.org
- Aerobe Ausdauer senkt den Blutzucker meist, anaerobe/intensive Belastung kann ihn heben; CGM hilft, Richtung und Verlauf zu erkennen. NIH/PMC (CGM & Exercise). ncbi.nlm.nih.gov/PMC2769951