Transparenz vorweg
Dieser Artikel dokumentiert eine persönliche Beobachtung. Ein Infekt bei mir selbst ist nicht labordiagnostisch bestätigt. Gleichzeitig wurde während der Beobachtungsphase der FreeStyle-Libre-3-Sensor gewechselt. Damit existieren mindestens zwei Störgrößen. Ich beschreibe deshalb Zusammenhänge und Hypothesen, aber keine bewiesene Ursache.
Kurzantwort
Ja: Eine akute Erkrankung oder Infektion kann den Glukosewert erhöhen. Gegenregulatorische Hormone und Entzündungsmediatoren können die Glukosefreisetzung der Leber steigern und die Insulinwirkung vorübergehend verschlechtern. Bei Menschen mit Diabetes oder ausgeprägter Insulinresistenz kann sich das deutlicher oder länger zeigen. Gleichzeitig kann Krankheit aber auch zu niedrigeren Werten führen – etwa wenn wenig gegessen wird oder bestimmte blutzuckersenkende Medikamente weiterwirken. [1][2]
Für meine aktuelle Messreihe gilt trotzdem: Mein CGM kann nicht beweisen, dass ein Infekt die Ursache meiner höheren Werte ist. Die Daten zeigen lediglich, dass ich mich in dieser Woche schlechter belastbar fühle und einzelne Werte höher liegen. Sensorwechsel, unterschiedliche Mahlzeiten, Trainingsumfang, Schlaf und Tagesform müssen mitgedacht werden.
Meine Ausgangslage
Bei uns im Haushalt ist seit gut einer Woche jemand krank. Ich selbst habe keine ausgeprägten Symptome, merke aber einen Unterschied zu normalen Wochen: Ich bin schlapper, komme morgens schlechter in Gang und schaffe auf dem Fahrrad weniger Leistung bei gleichem subjektivem Aufwand.
Parallel dazu habe ich den Eindruck, dass meine Glukosewerte häufig ungefähr zehn bis zwanzig mg/dl über meinem üblichen Niveau liegen. Das ist zunächst nur eine persönliche Einschätzung, keine bereits ausgewertete statistische Messreihe.
Gerade dieser Punkt ist mir wichtig. Ein CGM verleitet schnell dazu, aus einer auffälligen Woche eine fertige Erklärung zu bauen. Wenn ich aber StoffwechselFit als Praxislabor ernst nehme, muss ich auch sagen, was die Daten noch nicht hergeben.
Warum Krankheit den Glukosewert verändern kann
Einordnung: in Studien beschrieben für akute Erkrankungen und Infektionen; Ausprägung individuell
Bei Infektionen und anderen körperlichen Stresssituationen aktiviert der Organismus mehrere Gegenregulationssysteme. Dazu gehören unter anderem Cortisol, Katecholamine wie Adrenalin, Glukagon und entzündliche Signalstoffe. Diese Reaktion soll Energie verfügbar machen. Gleichzeitig kann sie dazu führen, dass die Leber mehr Glukose produziert und abgibt und dass Muskel- und Fettgewebe vorübergehend weniger empfindlich auf Insulin reagieren. [1][2]

Abb. 1: Vier Faktoren, die während eines Infekts die Glukosekurve verändern können. Nicht jeder Faktor wirkt bei jedem Menschen gleich stark.
Das ist ein wesentlich präziseres Bild als die verkürzte Aussage „der Körper braucht bei Krankheit mehr Zucker“. Die Stoffwechselreaktion ist nicht nur eine zusätzliche Glukosebereitstellung, sondern ein Zusammenspiel aus höherer hepatischer Glukoseproduktion, vorübergehend veränderter Insulinwirkung, Entzündungsreaktionen, Flüssigkeitshaushalt, Nahrungsaufnahme und Aktivität. [1][2]
Warum sich das bei Insulinresistenz stärker bemerkbar machen kann
Bei Insulinresistenz ist die Fähigkeit von Insulin, die Glukoseproduktion der Leber zu bremsen und die Glukoseaufnahme im Gewebe zu unterstützen, bereits eingeschränkt. Kommt während eines Infekts eine zusätzliche hormonelle Gegenregulation hinzu, kann die Glukose deshalb stärker oder länger erhöht bleiben.
Das ist jedoch keine Alles-oder-nichts-Regel. Auch Menschen ohne Diabetes können bei akuter Erkrankung vorübergehend höhere Werte entwickeln. Umgekehrt steigt bei einer leichten Erkältung nicht zwangsläufig jeder Glukosewert sichtbar an. [2]
Krankheit bedeutet nicht automatisch nur „höher“
Ein wichtiger Sicherheitsaspekt wird in vereinfachten Darstellungen oft vergessen: Krankheit kann bei Menschen mit Diabetes sowohl Hyperglykämien als auch Hypoglykämien begünstigen. Die ADA weist in ihren Standards 2026 ausdrücklich auf beide Richtungen hin. [1]
Warum kann ein Wert fallen? Zum Beispiel wenn jemand deutlich weniger isst, erbricht oder Durchfall hat, während Insulin oder Medikamente mit Hypoglykämierisiko weiterwirken. Deshalb ist ein allgemeiner Satz wie „bei Krankheit steigt der Zucker“ zwar oft richtig, aber medizinisch unvollständig.
Für Leser bedeutet das: Nicht nur auf hohe Werte achten, sondern auf den gesamten Verlauf, die Symptome, die Flüssigkeitsaufnahme und die eigene Therapie.
Der Sensorwechsel ist in meiner Messreihe eine echte Störgröße
Während dieser Beobachtungsphase habe ich meinen FreeStyle-Libre-3-Sensor gewechselt. Genau deshalb darf ich die zehn bis zwanzig mg/dl höheren Werte nicht automatisch dem möglichen Infekt zuschreiben.
CGM-Systeme messen Glukose in der Gewebeflüssigkeit, nicht direkt im Blut. Sensorwert und kapillarer Blutwert können sich unterscheiden, insbesondere bei raschen Veränderungen. Abbott empfiehlt bei vermuteten ungenauen Werten Vergleichsmessungen mit einem Blutzuckermessgerät. Diese sollen möglichst in einer stabilen Stoffwechsellage mit waagerechtem Trendpfeil erfolgen – nicht direkt nach Sport, Essen oder einer Insulingabe. [5]
Das ist für mein Praxislabor sogar hilfreicher als eine pauschale Aussage, ein neuer Sensor sei „am ersten Tag immer ungenau“. Wenn ich den Verdacht habe, dass der Sensor dauerhaft höher oder niedriger misst, brauche ich mehrere saubere Vergleichspaare unter stabilen Bedingungen.
So würde ich den Sensor als Störgröße besser prüfen
Bei einem auffälligen neuen Sensor würde ich nicht anhand einer einzelnen Differenz urteilen. Sinnvoller sind mehrere kapillare Vergleichsmessungen bei stabilem Trend und ohne direkt vorausgehende Mahlzeit oder Sport. Weichen diese wiederholt deutlich ab, kann der Sensor selbst einen Teil des beobachteten Niveauunterschieds erklären. [5]
Eine wichtige Korrektur meiner ersten Auswertung
Bei der Prüfung dieses Artikels ist mir ein Interpretationsfehler aufgefallen, den ich bewusst nicht verstecken möchte.
Der Screenshot mit der Überschrift „Glukose-Durchschnitt, 16.–22. August 2026“ zeigt acht Balken mit den Werten 112, 114, 124, 137, 131, 118, 116 und 114 mg/dl. In der ersten Fassung hatte ich diese Balken als Tagesdurchschnitte gelesen.
Das ist nicht korrekt.
Abbott beschreibt den Bericht „Glukose-Durchschnitt“ so, dass er die durchschnittlichen Sensorwerte für den gewählten Zeitraum und für verschiedene Zeiträume des Tages darstellt. Die acht Balken sind deshalb keine acht einzelnen Tage. [6]

Abb. 2: Der Bericht ist als Tageszeitprofil zu lesen. Er eignet sich nicht als Beleg dafür, dass an acht einzelnen Tagen exakt diese Durchschnittswerte vorlagen.
Diese Korrektur verändert die Interpretation erheblich: Der Screenshot ist weiterhin wertvoll, weil er mein typisches Glukoseniveau über verschiedene Tagesabschnitte zeigt. Er kann aber nicht als Vorher-Woche mit sieben oder acht Tagesmitteln gegen die Krankheitswoche gestellt werden.
Genau dafür sind solche Prüfungen da. Eine transparente Korrektur erhöht den Wert der Dokumentation mehr als eine scheinbar perfekte Geschichte.
Die Einzelwerte, die tatsächlich dokumentiert sind
Einordnung: persönliche CGM-Daten, n=1; keine kontrollierte Vergleichsstudie
Einige Einzelereignisse sind eindeutig aus den vorhandenen Screenshots ablesbar.
Am 22. August um 20:43 Uhr lag mein Sensorwert bei 113 mg/dl. In der Notiz waren 6 g Kohlenhydrate eingetragen.

Abb. 3: Referenzabend aus der Woche vor der aktuellen Beobachtung.
Am 29. August um 19:32 Uhr lag der Wert bei 164 mg/dl mit steigendem Trendpfeil. Zu diesem Zeitpunkt waren 22 g Kohlenhydrate notiert. In meinen weiteren Notizen existiert kurz danach noch ein zusätzlicher Kohlenhydrateintrag. Ob beide Einträge dieselbe Mahlzeit abbilden, muss bei einer späteren quantitativen Auswertung eindeutig geklärt werden.

Abb. 4: Der Wert liegt deutlich höher als am Referenzabend, die Mahlzeit war aber nicht gleich. Ein direkter Produkt- oder Infektvergleich ist daraus nicht möglich.
Um 20:17 Uhr zeigte das CGM nach einer als sportliche Betätigung dokumentierten Phase 102 mg/dl.

Abb. 5: Der Sensorwert sank in einem Zeitraum, der eine Trainingseinheit enthielt. Das zeigt einen zeitlichen Zusammenhang, beweist aber nicht, dass Bewegung allein den gesamten Abfall verursacht hat.
| Datum | Uhrzeit | Sensorwert | dokumentierter Kontext |
|---|---|---|---|
| 22. August | 20:43 | 113 mg/dl | Mahlzeit, 6 g KH |
| 22. August | 22:21 | 104 mg/dl | nach 30 min Ride + 10 min Cool-down laut Notiz |
| 23. August | 19:52 | 129 mg/dl | Mahlzeit, 16 g KH |
| 29. August | 19:32 | 164 mg/dl | Mahlzeit, 22 g KH, steigender Trend |
| 29. August | 20:17 | 102 mg/dl | sportliche Betätigung dokumentiert |
| 30. August | 00:02 | 120 mg/dl | sportliche Betätigung dokumentiert |
Was diese Werte zeigen
Sie zeigen, dass einzelne Abende deutlich unterschiedlich aussehen und dass mein Glukosewert in der Phase mit Bewegung am 29. August stark zurückging.
Was sie nicht zeigen
Sie zeigen nicht, dass der Infekt die Differenz verursacht hat. Die Mahlzeiten waren unterschiedlich, mein Aktivitätsmuster war nicht identisch und der Sensor wurde im Beobachtungszeitraum gewechselt. Auch aus dem Abfall von 164 auf 102 mg/dl darf ich nicht folgern, dass Bewegung allein 62 mg/dl „wegtrainiert“ hat. Während dieser Zeit laufen Verdauung, Leberglukoseproduktion, Muskelaufnahme und die normale Verzögerung zwischen Blut- und Gewebeglukose parallel.
Warum ich mich auf dem Fahrrad schwächer fühle
Das ist aktuell einer meiner auffälligsten subjektiven Marker. Ich fahre weiter, aber mit weniger Leistung. Der gleiche Ride fühlt sich schwerer an, ich brauche mehr Pausen und kann den Widerstand nicht so konstant halten.
Das kann zu einem Infekt passen, beweist ihn aber ebenfalls nicht. Schlaf, Belastung der Vortage, Flüssigkeitshaushalt und viele andere Faktoren beeinflussen Leistungsfähigkeit.
Sportmedizinisch ist außerdem wichtig, aus einem persönlichen „ich fahre etwas lockerer“ keine allgemeine Empfehlung zu machen. Die Studienlage dazu, bei einem leichten Atemwegsinfekt weiterzutrainieren, ist begrenzt. Bei Fieber, deutlicher Erschöpfung, Muskelschmerzen, Dehydration oder kardiopulmonalen Symptomen wie Brustschmerz, ungewöhnlicher Atemnot, Herzrasen oder Ohnmacht sollte nicht weitertrainiert werden; bei entsprechenden Symptomen gehört die Situation medizinisch beurteilt. Der Wiedereinstieg sollte nach einer Erkrankung schrittweise erfolgen. [7][8]
Meine persönliche Regel für diese Woche
Solange ich mich nur leicht abgeschlagen fühle, kein Fieber und keine Brust-, Kreislauf- oder Atemwegssymptome habe, reduziere ich meine Belastung deutlich. Ich nutze das Training nicht, um einen CGM-Wert „mit Gewalt“ zu korrigieren. Sobald systemische oder kardiopulmonale Symptome auftreten, ist Training für mich kein Selbstversuch mehr.
Sick-Day-Regeln: Der wichtigste Punkt ist ein individueller Plan
Hier war die erste Fassung des Artikels zu pauschal. Der Satz „Medikamente bei Krankheit einfach weiternehmen“ ist nicht für alle Diabetesmedikamente richtig.
Die ADA Standards of Care 2026 empfehlen bei akuter Erkrankung ausdrücklich eine erneute Bewertung der Therapie. Je nach Situation können unterschiedliche Regeln gelten. [1]
- Basalinsulin bei intensiver Insulintherapie soll nicht einfach abgesetzt werden, selbst wenn nichts gegessen wird. Die Dosis kann jedoch angepasst werden müssen – nach einem vorher vereinbarten Plan beziehungsweise ärztlicher Anleitung. [1]
- Metformin kann bei nicht ausreichender Flüssigkeits-/Nahrungsaufnahme oder bei Risiko für akute Nierenschädigung vorübergehend pausiert werden müssen. [1]
- SGLT2-Hemmer können bei akuter schwerer Erkrankung, Dehydration, längerem Fasten oder Ketose problematisch sein und werden in solchen Situationen nach Sick-Day-Regeln häufig pausiert. [1][3]
- GLP-1-Rezeptoragonisten können bei Erkrankungen mit ausgeprägten gastrointestinalen Symptomen vorübergehend pausiert werden müssen. [1]
- Medikamente mit Hypoglykämierisiko können bei deutlich reduzierter Nahrungsaufnahme besondere Aufmerksamkeit erfordern. [1]
Für Leser ist die wichtigste Konsequenz deshalb nicht, sich eine Medikamentenliste aus dem Internet zu merken, sondern mit dem eigenen Behandlungsteam einen persönlichen Krankheitsplan festzulegen.
Ketoazidose und HHS: Nicht nur auf die Zahl im CGM schauen
Eine diabetische Ketoazidose (DKA) ist bei Typ-1-Diabetes deutlich häufiger, kann aber auch bei Typ-2-Diabetes auftreten. Das gilt insbesondere in Situationen mit ausgeprägtem Insulinmangel oder unter SGLT2-Hemmern. Unter SGLT2-Hemmern kann eine DKA sogar bei Glukosewerten auftreten, die nicht extrem hoch sind. [1]
Das ist ein wichtiger Grund, warum ein „gar nicht so hoher“ Sensorwert keine Entwarnung ist, wenn gleichzeitig typische Warnzeichen bestehen.
Zu den Symptomen, die eine rasche medizinische Beurteilung erfordern können, gehören unter anderem:
- anhaltendes Erbrechen oder die Unfähigkeit, Flüssigkeit bei sich zu behalten,
- deutliche Austrocknung,
- Bauchschmerzen, Übelkeit und zunehmende Schwäche,
- Atemnot oder auffällig tiefe/schnelle Atmung,
- Verwirrtheit oder Bewusstseinsveränderungen,
- hohe Ketone beziehungsweise ein im persönlichen Sick-Day-Plan definierter auffälliger Ketontest,
- sehr hohe oder trotz vereinbarter Maßnahmen nicht besser werdende Glukosewerte. [1][4]
Bei Typ-2-Diabetes ist zusätzlich das hyperosmolare hyperglykämische Syndrom (HHS) relevant. Es geht typischerweise mit sehr hohen Glukosewerten und starker Dehydration einher und wird häufig durch akute Erkrankungen ausgelöst. Ein Verdacht auf HHS gehört sofort medizinisch beurteilt. [1]

Abb. 6: Die Dringlichkeit richtet sich nach Symptomen, Ketonen, Flüssigkeitsstatus, Therapie und persönlichem Krankheitsplan – nicht nur nach einem einzelnen Glukosewert.
Wie oft sollte man bei Krankheit messen?
Auch hier gibt es keine für jeden Menschen identische Zahl.
Die ADA empfiehlt, bei Krankheit zu prüfen, ob eine häufigere Glukosekontrolle erforderlich ist. Bei Menschen mit DKA-Risiko gehört zusätzlich eine Ketonkontrolle in den persönlichen Sick-Day-Plan. Die Patienteninformation der ADA nennt bei Krankheit für Ketone beispielsweise Kontrollen alle vier bis sechs Stunden, dies ist aber keine pauschale Anweisung für jeden Menschen mit Typ-2-Diabetes. [1][4]
Mit einem CGM sieht man den Verlauf ohnehin kontinuierlich. Wichtig ist dann weniger das häufige Öffnen der App als das richtige Reagieren auf Muster und Symptome. Bei unplausiblen Sensorwerten oder Warnzeichen kann eine kapillare Kontrollmessung entscheidend sein. [5]
Wie ich die Beobachtung künftig sauberer validieren will
Wenn ich wirklich herausfinden möchte, ob ein leichter Infekt mein Glukoseniveau im Alltag um zehn oder zwanzig mg/dl anhebt, brauche ich mehr als einzelne Screenshots.
Für eine bessere n=1-Auswertung würde ich künftig mindestens folgende Größen vergleichen:
1. Vergleichbare Zeitfenster
Nicht einen zufälligen Abend gegen einen anderen, sondern zum Beispiel dieselbe Morgenphase von 06:00 bis 10:00 Uhr oder denselben Abendzeitraum über mehrere Tage.
2. Mittelwert und Zeit über dem persönlichen Referenzbereich
Statt nur Peaks zu betrachten, ist interessant, ob sich das gesamte Niveau über mehrere Tage verschiebt.
3. Gleiche Mahlzeiten beziehungsweise dokumentierte Kohlenhydrate
Die Werte 113 und 164 mg/dl lassen sich nicht sinnvoll gegeneinander ausspielen, wenn die Mahlzeiten unterschiedlich waren.
4. Trainingsbelastung
Dauer, Intensität und Puls sollten mit dokumentiert werden. „Ich bin Fahrrad gefahren“ ist für eine Stoffwechselauswertung zu grob.
5. Sensorwechsel kennzeichnen
Die ersten Tage eines neuen Sensors sollten in einer longitudinalen Auswertung klar markiert werden. Bei Verdacht auf einen Offset helfen kapillare Vergleichsmessungen in stabiler Stoffwechsellage. [5]
6. Symptome und Temperatur
Ein Infekt ohne dokumentierte Symptome oder Diagnose bleibt eine plausible Erklärung, aber keine bestätigte Ursache. Temperatur, Halsschmerzen, Husten, Gliederschmerzen, Ruhepuls und allgemeines Befinden helfen bei der zeitlichen Einordnung.
7. Erholung nach Ende der Krankheitsphase
Am überzeugendsten wäre nicht nur „während der Krankheit höher“, sondern ein reproduzierbares Muster: vorher niedriger – während der Krankheitsphase höher – nach Erholung wieder Richtung Ausgangsniveau.
Was ich aus dieser Woche aktuell wirklich sagen kann
Nach der Überarbeitung bleibt weniger übrig als in der ersten Fassung – aber das, was übrig bleibt, ist belastbarer.
Belegt durch allgemeine Studienlage: Akute Erkrankung und Infektion können Glukosewerte über Gegenregulationshormone, erhöhte hepatische Glukoseproduktion und vorübergehend schlechtere Insulinwirkung erhöhen. [1][2]
Belegt durch meine Screenshots: An einzelnen Tagen liegen deutlich unterschiedliche Sensorwerte vor. Am 29. August fiel der CGM-Wert während eines Zeitraums mit dokumentierter Bewegung von 164 auf 102 mg/dl.
Plausibel, aber nicht bewiesen: Dass mein subjektiv um etwa zehn bis zwanzig mg/dl höheres Niveau in dieser Woche tatsächlich durch einen Infekt verursacht wird.
Nicht belegt: Dass der Infekt allein die Differenz erklärt oder dass eine bestimmte Trainingseinheit den gesamten Rückgang verursacht hat.
Als Störgröße vorhanden: Sensorwechsel, unterschiedliche Mahlzeiten und unterschiedliche Belastung.
Diese Trennung ist für mich das eigentliche Ergebnis des Artikels.
Der psychologische Teil: Ein höherer Wert ist keine Note
In solchen Wochen merke ich, wie schnell ich einen Sensorwert persönlich nehme. Obwohl ich weiß, dass Krankheit, Schlaf, Stress und viele andere Faktoren die Glukose beeinflussen, fühlt sich eine höhere Zahl manchmal trotzdem wie ein schlechteres Ergebnis an.
Das kann zu einer ungünstigen Reaktion führen: härter trainieren, weniger essen, noch häufiger kontrollieren und ausgerechnet in einer Phase, in der der Körper Erholung braucht, zusätzlichen Druck aufbauen.
Für mich hilft ein anderer Blick: Das CGM bewertet nicht meine Disziplin. Es zeigt eine physiologische Situation. Wenn der Körper krank oder belastet ist, darf die Kurve anders aussehen.
Das bedeutet nicht, auffällige Werte zu ignorieren. Es bedeutet nur, sie nicht moralisch zu bewerten.
Was Leser daraus mitnehmen können
Ein CGM kann bei Krankheit wertvolle Veränderungen sichtbar machen. Es kann aber keinen Infekt diagnostizieren und keine Ursache beweisen.
Wer eine ähnliche Beobachtung macht, kann deshalb drei Ebenen trennen:
- Was sagt die allgemeine Studienlage? Krankheit kann Glukose erhöhen und die Insulinwirkung verändern.
- Was zeigt meine Kurve wirklich? Zeitpunkt, Trend, Mahlzeiten, Sport und Symptome sauber dokumentieren.
- Wann endet der Selbstversuch? Bei Warnzeichen, Ketonen, Dehydration, anhaltendem Erbrechen, Atemnot, Brustschmerz, Verwirrtheit oder einer Stoffwechsellage außerhalb des persönlichen Krankheitsplans gehört die Situation medizinisch beurteilt.
Das Wichtigste in Kürze
- Infektionen und andere akute Erkrankungen können die Glukose über Gegenregulationshormone, Entzündung und erhöhte Leberglukoseproduktion anheben. [1][2]
- Krankheit kann abhängig von Nahrungsaufnahme und Therapie auch Hypoglykämien begünstigen. [1]
- Mein subjektiver Eindruck eines um etwa 10–20 mg/dl höheren Niveaus ist noch keine ausgewertete Messreihe.
- Der Libre-Bericht mit acht Balken zeigt Durchschnittswerte für verschiedene Tagesabschnitte, nicht acht Tagesmittel. [6]
- Der Sensorwechsel ist eine relevante Störgröße; bei verdächtigen Abweichungen helfen mehrere kapillare Vergleichsmessungen unter stabilen Bedingungen. [5]
- Der Abfall von 164 auf 102 mg/dl während eines Zeitraums mit Bewegung ist eine persönliche Beobachtung, kein Beweis für eine alleinige Trainingswirkung.
- Medikamentenregeln bei Krankheit sind wirkstoff- und situationsabhängig. Basalinsulin, Metformin, SGLT2-Hemmer und GLP-1-Rezeptoragonisten haben unterschiedliche Sick-Day-Aspekte. [1][3]
- DKA kann auch bei Typ 2 auftreten; unter SGLT2-Hemmern kann sie trotz nicht extrem hoher Glukose vorkommen. [1]
- Bei Fieber, deutlicher Erschöpfung, Dehydration oder Herz-/Atemwegssymptomen ist intensives Training keine sinnvolle Selbstmaßnahme. [7][8]
- Entscheidend ist ein vorab mit dem Behandlungsteam vereinbarter Sick-Day-Plan.
Häufige Fragen
Kann der Blutzucker schon steigen, bevor ich mich richtig krank fühle?
Das ist möglich, weil hormonelle und entzündliche Reaktionen früh einsetzen können. Ein höherer CGM-Wert allein diagnostiziert aber keinen Infekt.
Kann ich anhand des CGM erkennen, ob ich einen Infekt habe?
Nein. Ein CGM misst Glukose, keine Infektion. Schlaf, Stress, Mahlzeiten, Sensorabweichungen, Medikamente und viele weitere Faktoren können ähnliche Muster erzeugen.
Soll ich bei einer Erkältung weitertrainieren?
Das hängt von Symptomen, Vorerkrankungen und Belastung ab. Bei Fieber, deutlicher Erschöpfung, Dehydration, Brustschmerzen, ungewöhnlicher Atemnot, Herzrhythmusbeschwerden oder Ohnmacht sollte nicht trainiert werden. Bei milden Beschwerden ohne systemische Symptome ist die Datenlage begrenzt; leichte Aktivität kann bei manchen Menschen toleriert werden, sollte aber nicht erzwungen werden. [7][8]
Muss ich meine Diabetesmedikamente bei Krankheit weiternehmen?
Nicht pauschal und nicht eigenmächtig entscheiden. Die Regeln unterscheiden sich je nach Wirkstoff. Basalinsulin soll bei intensiver Insulintherapie in der Regel nicht einfach abgesetzt werden; Metformin, SGLT2-Hemmer oder GLP-1-Rezeptoragonisten können in bestimmten Krankheitssituationen vorübergehend pausiert werden müssen. Dafür braucht es einen persönlichen Sick-Day-Plan. [1][3]
Muss jeder Mensch mit Typ-2-Diabetes bei Krankheit Ketone messen?
Nein. Ketonkontrollen sind besonders bei DKA-Risiko relevant – etwa bei Insulinmangel, DKA-Symptomen oder unter SGLT2-Hemmern. Wann und wie gemessen wird, sollte Teil des persönlichen Krankheitsplans sein. [1]
Wie kann ich prüfen, ob mein neuer Sensor zu hoch oder zu niedrig misst?
Wenn Sensorwerte nicht zu den Symptomen oder Erwartungen passen, empfiehlt Abbott Vergleichsmessungen mit einem Blutzuckermessgerät. Für die Beurteilung eines möglichen Sensor-Offsets sollten die Vergleichswerte möglichst bei stabilem Trend und nicht direkt nach Essen oder Sport erhoben werden. [5]
Quellen
Quellenstand: 30.08.2026.
- American Diabetes Association Professional Practice Committee: Glycemic Goals, Hypoglycemia, and Hyperglycemic Crises: Standards of Care in Diabetes—2026, Abschnitt „Intercurrent Illness“. Krankheit kann Hyper- und Hypoglykämien begünstigen; Therapie und Monitoring sollen situationsabhängig angepasst werden. Enthält auch aktuelle Sick-Day-Hinweise zu Metformin, SGLT2-Hemmern, GLP-1-Rezeptoragonisten, Insulin und Ketonkontrolle. https://diabetesjournals.org/care/article/49/Supplement_1/S132/163927/6-Glycemic-Goals-Hypoglycemia-and-Hyperglycemic
- Diabetes and infection: review of the epidemiology, mechanisms and principles of treatment. Review zu Infektion, Gegenregulationshormonen, Entzündungsmediatoren, hepatischer Glukoseproduktion und Insulinresistenz. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11153295/
- Deutsche Diabetes Gesellschaft: Praxisempfehlung Diabetes im Krankenhaus 2025. Sick-Day-Aspekte unter anderem für Metformin und SGLT2-Inhibitoren sowie Besonderheiten bei akuten Erkrankungen. https://www.ddg.info/fileadmin/user_upload/PE_Diabetes_im_Krankenhaus_2025.pdf
- American Diabetes Association: Planning for Sick Days. Patienteninformation zu Flüssigkeitsaufnahme, Ketonen, Warnzeichen und persönlichem Krankheitsplan. https://diabetes.org/living-with-diabetes/sick-days
- Abbott FreeStyle Libre Deutschland: Ungenaue Messwerte – wann Vergleichsmessungen durchgeführt werden sollen. Empfohlen werden bei auffälligen Sensorwerten Vergleichsmessungen unter stabilen Bedingungen mit waagerechtem Trendpfeil. https://www.freestylelibre.de/hilfe/haeufige-fragen/sensor/ungenaue-messwerte.html
- Abbott FreeStyle Libre: What is the Average Glucose Report in the Libre app? Der Bericht zeigt Durchschnittswerte für den gewählten Zeitraum und zusätzlich für verschiedene Tagesabschnitte. https://www.support.freestyle.abbott/hc/en-us/articles/34003000109073-What-is-the-Average-Glucose-Report-in-the-Libre-app
- Ruuskanen O, Valtonen M, Waris M, Luoto R. Sport and exercise during viral acute respiratory illness—Time to revisit. Journal of Sport and Health Science. Einordnung der begrenzten Studienlage zu Training bei akuten Atemwegsinfekten und klare Warnzeichen für Trainingspause/Abklärung. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11282332/
- Acute Illness in the Athlete. Übersicht zu Training bei akuter Erkrankung, Kontraindikationen wie Fieber, Dehydration und kardiopulmonalen Symptomen sowie schrittweisem Wiedereinstieg. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7126929/
***Medizinischer Hinweis:** Dieser Beitrag verbindet persönliche n=1-Daten mit allgemeiner medizinischer Studienlage. Er ersetzt keine Diagnose und keinen individuellen Sick-Day-Plan. Bei schweren oder sich verschlechternden Symptomen, anhaltendem Erbrechen, deutlicher Dehydration, Atemnot, Brustschmerzen, Bewusstseinsveränderungen, auffälligen Ketonen oder einer Stoffwechsellage außerhalb des mit dem Behandlungsteam vereinbarten Bereichs ist zeitnahe medizinische Hilfe erforderlich. Medikamente dürfen nicht aufgrund dieses Artikels eigenmächtig begonnen, pausiert oder dosiert werden.*
